PREDIGT DER KATEGORIE
16.     Perikopen-Predigten
 
Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe
Autor: Jetter, Hartmut
Jahr: 1991
Bibelstelle:  Matthäus / 3,13-17
Schlagwort REIHE-1 Sonntag,-1.n.Epiphanias Taufe Taufe_Jesu
 
 
Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias, Text: Matthäus 3, 13-17


Liebe Gemeinde!
"Wer war Jesus von Nazareth - wer ist Jesus Christus?" Das ist eine Grundfrage, die Grundfrage des christlichen Glaubens.
Johannes, der 4. Evangelist, schreibt sein Evangelium aus diesem Interesse heraus, "daß ihr glaubt, Jesus sei der Christus, der Sohn Gottes".
Der Diakon Philippus fragt den Kämmerer, ob er denn nun die biblische Botschaft verstehe und glaube; und der Kämmerer bekennt vor seiner Taufe: "Ich glaube, daß Jesus Christus Gottes Sohn ist".
Damit wir alle selber sagen können, was und wer Jesus für uns persönlich ist, schreibt Luther den schönsten Satz in deutscher Sprache: "Ich glaube, daß Jesus Christus. . . sei mein Herr. . .".
Sache und Werk Jesu sind und bleiben also die Mitte des christlichen Glaubens.
Aber die Sache Jesu hat Ausstrahlung weit über den engeren Bereich der Kirche hinaus. Auch dort, wo Jesus und sein Auftrag nicht geglaubt, ja, selbst dort, wo er bekämpft wird, setzen sich Menschen mit ihm ausein-ander. Sie fragen danach, wer er war und suchen ihn zu verstehen. Das bezeugen auch die vielen Jesus-Bücher aus unseren Tagen:
..Jesus für Atheisten"; "Jesus, der Mann"; "Ein Mensch namens Jesus"; ..Jesus - der erste neue Mann" - das sind nur einige der vielen Buchtitel aus den letzten zwei Jahrzehnten.
Es ist offensichtlich: Am heutigen Text, dem Bericht von der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer im Jordan, interessiert uns weniger die Tatsache, daß dieser Vorgang zu den am besten bezeugten Ereignissen im Leben Jesu gehört. Vielmehr interessiert uns, was diese Taufe für seinen Weg bedeutet. Sie interessiert uns als die Stunde seiner Beauftragung. Mit ihr läßt der Evangelist Markus sogar sein Evangelium anfangen. Mit ihr "beginnt das Evangelium".
Der heutige Predigttext beginnt mit einer Zeitangabe: "zu der Zeit". Damit schließt sie an den vorausgehenden Bericht an. Es war die Zeit, als im jüdäischen Land Tagesgespräch war: Habt ihr schon gehört von dem seltsamen Menschen namens Johannes? Drunten im Jordangraben, gar nicht weit weg von der Stelle, wo der Fluß in das Tote Meer mündet, da steht der Mann und verkündigt die Botschaft von der nahegekommenen Gottesherrschaft. Er ruft die Menschen zur Buße und Umkehr. Wer aber seine Sünden vor ihm bekennt, der soll zu ihm kommen und im Wasser des Jordan die Taufe empfangen, zum Zeichen seiner Buße.
Auch Jesus von Nazareth hört davon. Und er kommt zu Johannes. Jesus, der Sohn der Maria und des Zimmermanns Josef, macht sich auf den Weg, um sich in die Reihe derer zu stellen, die von Johannes das Zeichen der Bereit- schaft für die nahe Gottesherrschaft empfangen.
Als aber Jesus aus dem Wasser steigt, geschieht Besonderes. Er erfährt ein Wunder, das schwer zu beschreiben ist. Und doch ist es für den Getauften und die Zeugen von bleibender Wichtigkeit. Jesus sieht den Himmel geöffnet. Ähnliches wird von dem Blutzeugen Stefanus berichtet, bevor sie ihn vor den Stadttoren von Jerusalem mit Steinen zer-
schmettern. Jesus sieht den Geist herabschweben, gleichsam wie eine Taube. Und dann hören sie, er und die Umstehenden, die Stimme aus den Himmeln, den Anruf Gottes selbst: "Dies ist mein lieber Sohn. . ." Bekannte Worte aus dem Gottesdienst Israels! Psalm 2 und Jesaja 42 werden lebendig. Sie werden Wirklichkeit in dieser Stunde über diesem Einen, dem Jesus von Nazareth, der Gott selbst zum Vater hat. Von nun an darf er für sich in Anspruch nehmen, Gottes geliebter Sohn zu sein, an dem der Vater sein Wohlgefallen hat.
Jetzt ist er vor aller Welt in sein Amt und seine Würde eingesetzt. Nun kann er seinen Weg antreten und das in die Tat umsetzen, was der Prophet insgesamt angesagt hat: Der Knecht beim Propheten Jesaja ist der Sohn; der Auserwählte ist der Mann von Nazareth. Und später wird er noch einmal diese Stimme hören: Wenn er den Weg hinauf nach Jerusalem antreten wird.

II.
Mehr noch als bei den anderen Evangelisten kommt es Matthäus bei seinem Bericht auf das Gespräch an, das der Täufer mit dem aus Galiläa kommenden Jesus führt. Konnte es denn sein, daß sich der Gottessohn von Johannes, einem sündigen Menschen, taufen läßt? Das ist doch ganz und gar unerwartet. Der hat das doch nicht nötig! Er ist doch "kein Sünder wie wir und unsere Kinder". Und wenn je, dachte der Täufer, dann doch nicht durch mich "Ich bin nicht würdig".
Aber Jesus schiebt den - verständlichen - Einwand zurück. Niemand soll ihn daran hindern, daß er sich nun taufen läßt. Ausleger weisen darauf hin, daß dies das allererste Jesuswort im Matthäus-Evangelium sei. Es ist ein Wort von hohem, geradezu programmatischem Gewicht: Ich stehe unter dem besonderen Willen Gottes, unter dem göttlichen "Muß". Ich kann mich diesem Anspruch - und das ist mit dem Begriff "Gerechtigkeit" hier gemeint - nicht entziehen. Ich muß die "gerechte Forderung" voll verwirk-lichen und erfüllen.
Und dann lädt Jesus den Täufer auch noch dazu ein, dabei mitzumachen. Jesus sagt ja "uns": Uns gebührt es, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Der Täufer darf mitwirken, wenn es um die Erfüllung des Willens Gottes geht und um den Weg seines Sohnes.
Aber - so meint ein anderer Ausleger: Das "uns" reicht über die Situation am Jordan hinaus; der Evangelist denkt zugleich an die Gemeinde, für deren Ordnung das Tun Jesu vorbildhaft dasteht.
Von diesem Gedanken aus können wir in einem dritten Teil noch der Frage nachgehen, was wohl die Taufe Jesu mit unserer, genauer gesagt meiner eigenen Taufe zu tun haben mag.
Zunächst muß klargestellt werden: Unsere Taufe geschieht nicht aufgrund von Matthäus 3. Stiftung und Bedeutung der Taufe erschließen sich uns aus dem Befehl des Auferstandenen im letzten Kapitel des Matthäus-Evangeliums.
Jesu Taufe, die als Stimme vom Himmel herab geschieht, ist nicht auf uns übertragbar. Jesus hat eine eigene Würde und Beauftragung von Gott her empfangen. Was wir in der Schriftlesung den Propheten Jesaja sagen hörten, ist mit Jesus "erfüllt". Er ist dieser Knecht Gottes.
Aber es ist andererseits auch nicht so, daß seine Taufe mit
der unseren nichts zu tun hätte. Denn auch für unsere Taufe gilt:
Das "also gebührt es uns". Wir können uns den Weg zum Heil nicht aus einer Reihe von Möglichkeiten aussuchen. Der Weg ist uns gewiesen. Wir können ihn nur nachvollziehen und erfüllen: An den zu glauben, den der Vater gesandt, beauftragt und bevollmächtigt hat. Und uns ihm mit unserem ganzen Leben in der Taufe übergeben. Das ist von Gott her die Gestalt von Gerechtigkeit, die uns gebührt, die wir erfüllen sollen.
- Als zweites gilt: "Wasser allein tut's nicht", wie Luther gesagt hat, - bei Jesus nicht und auch bei uns nicht.
Selbst wenn wir mit echtem Jordan-Wasser getauft worden wären. "Sondern das Wort Gottes, das mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, der solchem Wort Gottes im Wasser trauet." Taufe geschieht nie stumm. Immer
geschieht sie in Verbindung mit dem Wort Gottes. Immer heißt der Anruf der Taufe: "Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein".
- Und damit ruft uns die Taufe in die Nachfolge Jesu. Sie stellt uns auf den Weg Jesu, auf den Weg des Glaubens und des Gehorsams und des Dienstes.
So wollen wir von dieser Geschichte her auch heute unserer Taufe gedenken, uns ihrer freuen und mit dem Liede sagen: "0 Gottes Sohn, du Licht und Leben, 0 treuer Hirt, Immanuel. Nur dir hab ich mich übergeben, nur dir gehöret Leib und Seel". Amen.



Prof. Dr. Hartmut Jetter, Oberkirchenrat i.R.
Bernsteinstr. 143, 70619 Stuttgart,
Telefon: 0711-443003

 

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