SCHAUKASTEN

 

 

 

Texteindrücke aus dem Trauer- und Gedenkgottesdienst anlässlich des
Amoklaufs in Winnenden.
Der Gottesdienst war am 13.März 2009,gehalten von Dekan Ralf Albrecht
in der Stadtkirche in Nagold.

 

 

 

 

 

Begrüßung mit Einleitung

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir sind hier in der Stadtkirche zusammengekommen, um unsere Betroffenheit, unseren Schmerz,
unsere Trauer und unsere Angst und Zweifel vor Gott zu bringen.

Wir sind hier zusammengekommen, um Gottes Trost zu erfahren, um einander beizustehen und um
wenigstens ein Stück und einen Moment auch zur Ruhe und Stille zu kommen über dem, was über
unsere Mitmenschen in Winnenden und über unser Land gekommen ist.

Schulen und Kirchen, Öffentlichkeit und jede und jeder für sich persönlich nehmen wir uns jetzt Zeit,
um alles vor Gott zu bringen: unsere Ohnmacht, unsere Ängstlichkeit, unser verlorenes Vertrauen,
unsere Sehnsucht nach Geborgenheit.

Oder wie immer diese Grenzen heißen, die uns in diesen Tagen jetzt wieder so dramatisch bewusst
werden.

Und von denen wir jetzt in einem ersten gemeinsamen Lied singen:

 

Lied

Meine engen Grenzen

 

Klage

Psalm 13

Klagevoten von Schülerinnen und Schülern (Steine ablegen)

 

Biblische Lesung

Auszüge aus Jesaja 43

 

Gebet

Stille / Stilles Gedenken

 

Ansprache

Liebe Schüler, Eltern, Lehrer, liebe Gemeinde!

Wir stehen vor einem Ereignis, das uns zutiefst erschüttert und uns sprachlos macht. Wir müssen uns
damit auseinander setzen, dass dieser Mittwoch in Winnenden und Wendlingen 16 Menschen das
Leben gekostet hat. Über viele Familien, Lehrer, Schulklassen wurde unfassbar tiefe Trauer gebracht.
Der Schmerz ist nicht zu beschreiben.

Diesen Menschen gilt unser Mitgefühl. Wir sind hier mit da, um mit diesen Menschen zu trauern.
Sie haben eine Tochter oder einen Sohn verloren, einen Ehemann. Eine Freundin.

Die Trauer, die Fragen, unsere Ratlosigkeit, das können wir nur schwer allein aushalten.
Das alles lähmt uns. Und wir geben diesen Gefühlen Raum in der Gemeinschaft mit anderen hier in der Kirche.

Niemand von uns kann etwas von dem Schmerz und Verlust, den andere haben, wegnehmen.
Und doch setzen wir ein Zeichen, indem wir mitfühlen, ein Stück mit leiden und vor allem für all
diese Menschen beten. Sie brauchen für jeden weiteren kleinen Schritt große Kraft.

Neben der Trauer und dem Mitgefühl bewegt uns natürlich auch die Frage: Warum?

Warum tut ein 17-jähriger junger Mann so etwas? Warum mussten Menschen, junge Menschen,
Kolleginnen im Lehramt, Unbeteiligte auf so grausame Art sterben? Warum passiert so etwas überhaupt?

Wir fragen, aber wir finden keine Antwort. Wir werden keine Antwort finden können.
Sondern
je länger wir fragen, desto tiefer blicken wir nur in einen Abgrund. Wir treten an ihn heran,
schauen hinunter, und bekommen nur mehr Angst, die Verunsicherung wächst.

Denn eines wissen wir: das, was in Winnenden passierte, hätte überall passieren können.
Das macht uns erst recht schutzlos und hilflos.

Vieles von dem, was wir selbstverständlich achten, ist infrage gestellt. Eltern bangen um ihre Kinder,
Schüler und Lehrer gehen nicht mehr gleich unbefangen zur Schule. Das Grundvertrauen, das wir
eigentlich zu haben meinen, ist zutiefst angegriffen und verletzt.

Für gläubige Menschen hat dieses Grundvertrauen viel mit Gottvertrauen zu tun.
Und die Frage nach dem „Warum“ stellt dieses Gottvertrauen auf eine harte Probe.

Mein Gott, warum?

Wo Gott nicht mehr zu erfahren ist und nicht mehr zu spüren, was hilft uns dann noch?
Denn IHN suchen wir doch jetzt, er soll doch gerade in diesen Situationen als Letzter da sein.
Trost geben. Irgendwie strecken wir uns doch danach aus, und haben auch den Eindruck,
hier in der Kirche, hier mit allen denen, die heute mit dabei sind, da steckt das, was uns selbst jetzt halten kann.

Doch wir kommen nicht weiter als bis zum „Warum“? Keine Erklärungen. Klagen.

Doch Gott versteht das. Ja, Gott selbst lebt das sogar. Und keiner ist uns in dem Moment näher,
als der Gott, der selbst am Kreuz genau das durchgemacht hat.

Der schrie: mein Gott, warum? Der ohnmächtig ohne Ende Leid, Schmerz, Tod, Trauer trug und trägt.

Vielleicht kann das unser Halt sein.

Dass der Gott, den wir nicht erfahren und spüren können, dass der Gott allein unser letzter Halt ist in aller
Bodenlosigkeit unseres Lebens. Ein letzter Halt, den wir lebensnotwendig brauchen.
Was Jesus selbst ausgehalten hat, was er alles nicht erfahren hat an Hilfe und Nähe,
ausgerechnet seine Ohnmacht und sein Schmerz trägt.

 „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Psalm 22,2)

Wir merken, das dürfen wir. Da sollen wir. Nicht auch in den schwersten Tagen über Lasten niemals klagen.
Sondern IHM entgegen schleudern: „Warum hast Du mich verlassen?“

So beten wir. So lädt uns Gott ein zu beten.

Ein doppelter Ton schwingt mit: Die Klage und das völlige Unverständnis auf der einen Seite.
Hier gibt es nichts zu verstehen!

Aber der zweite Ton bleibt ebenso: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

Trotz allem: Weiter ist er mein Gott. Er ist es so sehr, dass ich es ihm sogar in dieser übergroßen
Not zweimal entgegenhalte: Mein Gott, mein Gott.

Weil wir es nicht selbst erfahren können, dass er doch nah sein kann, brauchen wir deshalb jemanden,
der es uns immer wieder von außen sagt. Brauchen wir die alten Texte, die es uns zusprechen, wie Jesaja 43:

„Jetzt aber - so spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich geformt hat, Israel:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir.
2 Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort.
Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt“

Und vielleicht wächst so nach und nach wieder Vertrauen.

Vertrauen, das so zerbrechlich ist.

Und das doch auch in dieser Katastrophe immer wieder mitten drin aufblitzte:

Dass es Polizisten gab, dort in Winnenden, die im schlimmsten Moment hineingingen in die
Schule und sich dem Schlimmsten gestellt haben und noch Schlimmeres verhindert.
Diese Helfer, wo immer sie da waren, haben unseren größten Respekt und Dank verdient.

Dass es dort und hier Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer gibt, die eng
zusammenstehen und gemeinsam in Trauer und Gedenken, in Angst und Verzweiflung dem
Worte verleihen, Zettel schreiben und Kerzen entzünden, die sich gegenseitig einander öffnen.

Und dass es quer durchs Land eine Gemeinschaft von Menschen gibt, die zusammensteht.
Die nicht im Mindesten ganz mitfühlen kann, was die Angehörigen, die Leute direkt vor
Ort in Winnenden bewegt. Aber die sich solidarisieren, die gemeinsam aufstehen und
Zeichen der Trauer und des Mitleidens setzen, in aller Hilflosigkeit.

Vertrauen kann wachsen.

Wir können es uns nicht selbst zusprechen – es muss uns von außen gesagt werden.
Aber wir können es gemeinsam neu erleben.

Beides lässt sich zusammenfassen in einem Wunsch, in einem Segensgruß, den wir jetzt
einander geben, hier in der Kirche, in den Reihen. Der zugesagte Friede, den wir uns nicht
selbst sagen können, aber der anderen, dem anderen direkt mit uns, neben, vor und hinter uns:

Der Friede Gotte sei mit Dir!

Und dann auch das Erlebnis kleinen neuen Vertrauens, das aus der Gemeinschaft entsteht –
wenn wir nämlich einander auf den zugesagten Frieden jeweils als Antwort geben:

„Und auch mit Dir!“

Gebt einander ein Zeichen des Friedens: Der Friede Gottes sei mit Dir – Und auch mit Dir!

 

Friedensgruß

 

Lied

Wo ein Mensch Vertrauen gibt

Und vom Vertrauen, das selbst dort wachsen kann, wo wir nichts spüren und erfahren,
singen wir gemeinsam mit dem Lied: Wo ein Mensch Vertrauen gibt …

 

Fürbitten

Jeweils mit Licht entzünden und „Meine Hoffnung und meine Freude“

Schüler

Lehrer

Eltern

Öffentlichkeit

Vater unser

 

Lied

Meine Zeit steht in Deinen Händen, Strophe 1 und 3

 

Segen

Wenn wir jetzt wieder auseinander gehen, lassen Sie es uns zugesagt sein, dass Gott
jede und jeden von uns begleitet mit seinem Segen – und zum Zeichen, dass wir ihn alle
gleichermaßen nötig haben, lade ich Sie ein, Ihrer Nachbarin, Ihrem Nachbar dazu die Hand zu reichen:

Wenn der Boden unter den Füßen schwankt – Gott hält Dich fest!

Wenn Du keinen Boden mehr unter den Füßen hast, Gott stellt Dich auf festen Grund.

Wenn die Erde sich auftut und ich zu fallen drohe: Gott umgibt Dich mit seiner Liebe.

Er segne und behüte Dich.

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig.

Er erhebe sein Angesicht über Dir und gebe Dir Frieden. Amen.

 

Musik-Nachspiel

Währenddessen Möglichkeit, auf den Altarstufen Kerzen zu entzünden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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